Onlinesucht – eine Zivilisationskrankheit der Gegenwart?

Was ist denn eigentlich ONLINESUCHT?

Onlinesucht ist der exzessive Gebrauch des Mediums Internet.
Der Betroffene integriert nicht das Internet in sein Leben,
sondern sein Leben ins Internet.

Hier ein Videomitschnitt anlässlich des Kongresses im Februar 2012 in HH „Domain Pulse“. Thema: „Die an der Comupternadel hängen“ – Vortrag von Gabriele Farke

Und wer es etwas genauer betrachten möchte:

Internetsucht – Onmeda: Medizin & Gesundheit“: http://www.onmeda.de/krankheiten/internetsucht.html

Wir unterscheiden die Onlinesucht in drei Bereiche.

  • Online-Kommunikationssucht
  • Online-Spielsucht
  • Online-Sexsucht

Online-Kommunikationssucht

Wir haben festgestellt, dass die Online-Kommunikationssucht sehr häufig bei Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeden Bildungsstandes, auffallend oft aber auch bei Frauen zwischen 30-55 Jahren auftritt. Hier geht es häufig um das Mailen, Chatten, und um Beiträge, die in Foren gepostet und von den Betroffenen zu jeder sich bietenden Gelegenheit aufgerufen werden. Häufig steckt hinter dieser Form der Onlinesucht eine innere Einsamkeit. Latente Sehnsüchte, die nicht ausgelebt werden können. Oft werden Haushalt, die Versorgung der Kinder und der Partner vehement vernachlässigt, ja, teilweise gar nicht mehr wahrgenommen.

Wie erkenne ich, ob ich süchtig bin?

Wann ist jemand süchtig, wann „nur“ von etwas fasziniert?
Wann ist jemand ein Trinker, wann ist jemand ein Spieler?

Die Grenzen, wann jemand als „süchtig“ zu bezeichnen ist, sind eher fließend und im Prinzip wohl nicht klar definierbar bzw. einzugrenzen.

Wenn allerdings der Betroffene von sich selbst den Eindruck hat, dass seine Leidenschaft, sei es der Alkohol, das Roulettespiel oder das Internet, nicht mehr kontrollierbar und ein Verzicht ohne massive Mangelerscheinung nicht mehr möglich ist, dann wird er von eben dieser Leidenschaft beherrscht, statt sie selbst zu beherrschen. In diesem Moment reden wir von Sucht! Wenn das eigene Verhalten mehr und mehr zum Problem wird, die Beschwerden des sozialen Umfeldes sich häufen, dann sollte sich der Betroffene selbst überprüfen und sein Verhalten verändern.
Im folgenden sind einige der auffälligsten Anzeichen für Onlinesucht aufgeführt:

  • in Ihrer Partnerschaft beginnt es zu kriseln, weil es ständig Krach wegen des Computers gibt
  • Freunde beschweren sich, weil ständig Ihre Telefonleitung besetzt ist
  • Telefon- und Internetkosten erreichen schwindelnde HöhenSchulden wachsen an
  • Mahnbescheide flattern ins Haus Interesse an Offline-Geselligkeiten lässt merklich nach
  • Besuch ist eher lästig geworden, weil Sie doch viel lieber am Computer sitzen würde
  • falls Sie (noch) berufstätig sind, lässt Ihr Elan und Engagement im Betrieb merklich nach
  • Ihnen macht der mangelnde Schlaf zu schaffen und Sie sind erschöpft
  • Sie gehen statt real zu shoppen, viel lieber online einkaufen
  • Ihre Kondition lässt merklich nach, da die Bewegung an der frischen Luft fehlt
  • Sie fühlen sich nicht mehr in die Familie integriert, sondern eher als Außenseiter
    das Gefühl, von Freunden, Kollegen, und der Familie nicht mehr verstanden zu werden, bestätigt sich täglich
  • Sie kapseln sich mehr und mehr von Ihrem „alten Leben“ ab.

Wer sich hier wieder findet und diese Symptome bei sich selbst entdeckt, sollte darüber nachdenken, ob er tatsächlich noch in der Lage ist, seine Onlinezeiten einzugrenzen bzw. für eine gewisse Zeit ganz auf das Medium zu verzichten.

Wie verändern sich Süchtige durch Onlinesucht?

Onlinesüchtige verändern sich merklich, indem sie sich nach und nach immer mehr vom realen Leben zurückziehen. Einladungen zu Geburtstagen und anderen Festlichkeiten werden nicht mehr wahrgenommen und auch das Familienleben verliert rasant an Bedeutung.

Ähnlich wie bei einem Spielsüchtigen am Roulettetisch nehmen die Augen eines Onlinesüchtigen einen seltsamen Glanz an. Die Faszination der neuen, interessanten Welt spiegelt sich in ihnen. Sich zu lösen ist völlig unmöglich, wo man doch gerade den einen Klick noch vollenden muss, dem einen Link noch schnell nachgehen, und -husch-, mal eben einen Besuch im virtuellen Museum abstatten muss. Zeit und Raum werden völlig vergessen, der Onlinesüchtige ist in seinem Element.

Beziehungspartner im Leben eines Onlinesüchtigen fragen sich zu recht, welche Bedeutung ihr Dasein für den Betroffenen noch hat. Der Süchtige jedenfalls hat anscheinend abgeschlossen mit seiner realen Welt, auch wenn er das lange nicht zugeben mag. Auffällig wird es, wenn Sie ihn als hilfloser Außenstehender auf seine offensichtliche Onlinesucht ansprechen und er diese recht ärgerlich und massiv abstreitet. Er selbst hat längst bemerkt, dass mit ihm etwas nicht stimmt, aber – wie bei anderen Suchtformen wohl auch – redet er sich heraus, entschuldigt sich auffällig mit fadenscheinigen Argumenten, wie zum Beispiel, dass er doch nur eben seine Emails checkt, wenn Sie ihn wieder mal am Computer vorwurfsvoll ermahnen.. Dass er für seine „kurze Erledigung der Post“ oftmals sieben bis zehn Stunden benötigt, will er nicht hören.

Der Onlinesüchtige kapselt sich schließlich ab von „realen“ Freunden und Kollegen. Da sein Umfeld ihm und seinen Erzählungen aus der virtuellen Welt nicht mehr folgen kann (oder will), findet er seine verständnisvolle Gemeinschaft, seinen neuen Freundeskreis, im Internet. Letztendlich fühlt der Onlinesüchtige sich seiner „alten Umwelt“ gegenüber überlegen und geradezu elitär. Was hat er schließlich alles erlebt, wovon die Anderen (Internetunerfahrenen und damit Weltfremden) nicht einmal zu träumen wagen?

Onlinesüchtige fahren nicht mehr in Urlaub. Wenn es dennoch einmal sein MUSS, weil vielleicht der Lebenspartner darauf besteht, die Kinder quengeln, und der Gerichtsvollzieher noch nicht bis zum Existenzminimum gepfändet hat, dann ist das oberste Gebot, im Internet (wo sonst?) vorab zu checken, ob ausreichend Internet-Cafés vorhanden sind am Ort der Verbannung. Dies gilt auch, falls der Onlinesüchtige schon längst Besitzer eines Laptops mit Modem ist, das auch über ein Handy die Verbindung zur „Außenwelt“ herstellt. Gute Vorbereitung ist eben alles.

Sollte es von Zeit zu Zeit noch reale Gespräche (offline) mit Freunden oder Kollegen geben, wird der Onlinesüchtige immer wieder auf Themen kommen, die mit dem Internet, seinen Internet-Freunden und neuen Websites zu tun haben. Können ihm eine Gesprächspartner (mal wieder) nicht folgen, wird die anschließende Online-Sitzung ihn für das Unverständnis in der realen Welt entschädigen. Seine Internetfreunde senden ihm ein großes, verständnisvolles „LOL“ (laughing out loud), wenn er ihnen von der vorherigen Session mit den Unwissenden erzählt (schreibt).

Welche Gründe gibt es für die Onlinesucht?

Die Gründe für die Onlinesucht liegen – wie bei jeder anderen Sucht auch – in der Suche nach etwas, das wir nicht haben oder nicht erreichen können.

Die Faszination des Neuen, die unbegrenzten Möglichkeiten, sich weltweit mit Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten und Gruppierungen auszutauschen, Informationen einholen zu können, deren (scheinbarer) Notwendigkeit man sich bis dahin gar nicht bewusst war, ist der Beginn eines möglicherweise immer unkontrollierbarer werdenden Umgangs mit dem Medium Internet.

Die Mehrzahl der Onlinesüchtigen gibt an, dass vor allem der Kommunikationsbereich sie „abhängig“ gemacht habe. Das Kennen lernen interessanter Menschen, mit denen außergewöhnlich vertraut und offen „gesprochen“ werden kann, hat in der Tat einen besonderen Reiz. Wer kennt sie nicht, die tiefe Sehnsucht in uns, die danach schreit, erfüllt zu werden? In einem Chat, einem Dialog ist – zum großen Teil auch anonym – das Artikulieren der eigenen Wünsche und Träume wesentlich einfach als im Bistro nebenan oder gar im engsten Familienkreis. Keine Scham, keine Angst vor Ablehnung, keine Äußerlichkeiten stehen im Weg, so dass in der vertrauten heimischen Umgebung oftmals Sätze in den Computer getippt werden, die beim Schreiberling selbst manches Mal ein Kopfschütteln verursachen, wenn er anschließend den Chatlog seines Gespräches ausdruckt und noch einmal nachvollzieht.

Im Chat findet jeder Gleichgesinnte, und es ist schier unmöglich, für ein Problem, das einen gerade zutiefst beschäftigt, nicht jemanden zu finden, der nicht ein offenes Ohr und Zeit für ihn hat. Eine Tatsache, die in unserer heutigen Zeit in der Realität nicht mehr selbstverständlich ist.

Aber es ist noch etwas anderes, das die Kommunikation via Internet zu etwas ganz Besonderem werden lässt. Nennen wir es die „innere Einsamkeit“, die wir bei unserem Gegenüber im Netz in einem intensiven Gespräch spüren und die uns ermutigt, über die eigenen Empfindungen zu sprechen. Sie ist etwas, über das wir nicht gerne reden mit unseren Mitmenschen. Es sind nicht nur die Träume und Phantasien, die uns die unglaubliche Nähe zu einem unsichtbaren Menschen aufbauen lassen, dessen Identität wir oftmals nicht einmal kennen. Es ist etwas Verborgenes in uns, das vielleicht nur den Menschen bewusst ist, die sich selbst sehr gut kennen und sich selbst sehr nah sind. Ob wir in einer Beziehung leben oder allein, ist dabei unerheblich. Denn sie ist immer da: die Gewissheit, dass wir im Grunde alle allein sind und uns nur nach einem sehnen: der Liebe! Uneingeschränkt, offen, hemmungslos! Dass jeder Mensch wohl etwas anderes unter dem Begriff Liebe versteht, wissen wir sehr wohl, dennoch suchen wir nach dem Menschen, der den Inbegriff UNSERER Liebe darstellt.

Der Teufelskreis der Onlinesucht beginnt, indem die Betroffenen in ihrer realen Welt nicht mehr über ihre Wünsche, Träume, Sehnsüchte und Phantasien sprechen können. Das soziale Umfeld bricht schließlich endgültig zusammen, der Onlinesüchtige wendet sich ab und baut sich seine eigene Welt im Internet auf. Hier findet er (scheinbar) einen adäquaten Ersatz.

Welche Personen sind besonders betroffen?

Labile Menschen sind im allgemeinen suchtgefährdeter als diejenigen, die ein gesundes Selbstwertgefühl haben und mit beiden Beinen im Leben stehen. Je stabiler die soziale, berufliche und gesellschaftliche Einbindung eines Menschen ist, desto geringer ist die Gefahr, einer Sucht zu verfallen.

Dennoch erwischt die Onlinesucht auch diejenigen, die sich selbst bis dato als absolute/r Realist/in bezeichnen würden. Niemand käme wohl auf die Idee, Ärzte, Rechtsanwälte oder auch Richter, um nur einige Beispiele von Berufsgruppen zu nennen, als Traumtänzer einzuordnen, doch auch unter ihnen gibt es unglaublich zahlreiche Onlinesüchtige. Sie selbst sagen, dass sie sich niemals als „gefährdet“ gesehen hätten und gaben auch zu, dass sie über Onlinesucht bis zu ihrer eigenen Betroffenheit geschmunzelt hatten. Frei nach dem Motto: „Das könnte mir nie passieren“ sah die Welt nach einigen Monaten intensiven Chattens für sie jedoch plötzlich ganz anders aus.

Erste Hilfe bei Online-Kommunikationssucht

Wir können Ihnen nur unsere langjährigen Erfahrungen weitergeben. Ob diese letztlich weiterhelfen, liegt zum großen Teil auch an Ihnen!

Grundsätzlich halten wir nichts von einem totalen PC- und Onlineverbot. Oft haben sich die Betroffenen eine neue Welt, eine neue Familie im Internet aufgebaut. Entreißen Sie dem Betroffenen dies abrupt, so haben Sie ihm/ihr alles genommen, was ihm/ihr derzeit noch lebenswert erscheint. Ob ein „kalter Entzug“ in Frage kommt, kann nur individuell entschieden werden, und im Zweifel ziehen Sie vor Ort einen Therapeuten oder Suchtberater hinzu.

Es gibt einige Maßnahmen, die wir als Brücken bezeichnen und mit denen Sie beginnen sollten. Oft helfen diese Ansätze schon, den Betroffenen wieder wachzurütteln:
Betroffene:

  • Computer aus dem unmittelbaren Wohnbereich entfernen (Flur, Kammer)
  • Wochenplan für die geplanten Online-Sitzungen erstellen (Soll- und Ist-Zeiten)
  • Einschränken der Onlinezeiten ohne völligen Verzicht bzw. temporäre Enthaltsamkeit
  • Einem vertrauten Menschen seine Sucht anvertrauen
  • Neues Hobby finden oder ein altes wieder auffrischen
  • Eigenes Hinterfragen, was man im Internet sucht (und findet?) und warum das in der Realität
    nicht umsetzbar ist
  • Wenn „Verliebtheit“ eine Rolle spielt, sollte ein schnelles reales Treffen angestrebt werden

Angehörige:

  • Bedienen Sie Ihr Kind/ Ihren Partner auf keinen Fall am Rechner! Bringen Sie keine Getränke oder
    Speisen und auch keine Zigaretten an den „Arbeitsplatz“.
  • Bluffen Sie nicht! Nur wenn Sie Ihre Drohungen auch wirklich ernst meinen, sollten Sie sie
    aussprechen! Der Betroffene nimmt Sie im Wiederholungsfall sonst nicht mehr ernst!
  • Nehmen Sie Kontakt zu anderen Angehörigen auf, wenn Ihnen das möglich ist. Das Forum auf.
    www.onlinesucht.de bietet eine ideale Anlaufstelle dafür! Unter Gleichgesinnten und gleichermaßen betroffenen Angehörigen können Sie einen wertvollen Erfahrungsaustausch pflegen und sich über die jeweiligen Erfolge (oder leider auch manchmal Misserfolge) austauschen.
  • Nehmen Sie den Betroffenen in die Verantwortung. Zeigen Sie ihm, dass er/sie Ihnen wichtig ist!

Fachgerechte Onlinesucht-Beratung?
+++ Schauen Sie hier in unsere aktuelle Liste der Ansprechpartner und Therapeuten oder schreiben Sie an den HSO e.V. eine E-Mail: HSO2007eV@aol.com.

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