Süddeutsche Zeitung
MEDIEN
Freitag, 25. Juni 1999

Sie hängen am Kabel

Die erste deutsche Selbsthilfegruppe für Onlinesüchtige will Internet-Junkies wieder Spaß an der Realität vermitteln.

„PeterK“ ist verzweifelt. Auf der Homepage der ersten deutschen Selbsthilfegruppe für Onlinesüchtige (www.onlinesucht.de) hat der Mann einen elektronischen Notruf hinterlassen. „Freitag kommt der Gerichtsvollzieher,“ schreibt PeterK in seiner e-mail. Wegen der horrenden Verbindungskosten von fast 4000 Mark habe ihm die Telekom bereits seinen Anschluß gesperrt. Nun habe ihn seine Sucht auch noch den Job gekostet.

PeterK hätte gerne die Gründungsversammlung des Vereins „Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige e.V.“ (HSO) im rheinländischen Langenfeld besucht, aber er habe nicht gewußt, „wo ich wenigstens das Geld für die Fahrkarte (69,-DM)“ herbekommen sollte. Zehn Süchtige und Ex-Internet-Junkies schafften es aber, sich vom Rechner loszureißen. Sie gründeten zusammen mit Ärzten und Psychologen vor einigen Tagen den ersten Verein in Deutschland, der sich um die psychischen Probleme von Surf-Opfern kümmern will. Der Verein ist auch unter www.onlinesucht.de im Internet erreichbar. Die Seite ist als erste Anlaufstelle für Süchtige gedacht.

Therapiert wird offline, im Live-Gespräch mit echten Menschen.

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Denn Online-Sucht läßt sich natürlich schlecht online bekämpfen. Die Organisation legt großen Wert darauf, eine „Offline-Gemeinschaft“ zu sein.

Onlinesucht ist keine Modekrankheit oder ein Medien-Hype, sondern ein ernstzunehmendes Problem. „Täglich über hundert Telephonanrufe von verzweifelten Internetnutzern“ erreichen den HSO-Vorstand täglich. „Mindestens 1,5 Millionen Internet-Süchtige“, schätzt die HSO-Bundesvorsitzende Gabriele Farke, hacken in Deutschland exzessiv Buchstabenkombinationen in ihren Rechner, die mit www beginnen. Viele Online-Suchtkarrieren enden im finanziellen Ruin und in der sozialen Ausgrenzung.

HSO-Gründerin Gabriele Farke ist selbst ein ehemaliger Online-Junkie. „Ich habe mich völlig vom Internet beherrschen lassen“, sagt die Kauffrau aus Langenfeld. Sie stellte sich den Wecker auf fünf Uhr morgens, um noch vor der Arbeit ein paar Stunden online zu sein, und wenn sie abends nach Hause kam, hetzte sie sofort wieder zum Computer. Um ihre Tochter kümmerte sich die alleinerziehende Mutter immer seltener. Auch die Telephonrechnungen von mehr als 1000 Mark im Monat trafen die Süchtige hart. Schließlich besiegte Gabriele Farke ihre Abhängigkeit, indem sie ein Buch über Onlinesucht schrieb („HexenKuss.de“, Deller-Verlag). In Gruppengesprächen will der Verein den Betroffenen wieder „Spaß an der Realität“ vermitteln. Denn dem Internet-Süchtigen geht der Bezug zur realen Welt zunehmend verloren. Er findet in der virtuellen Welt seine Anerkennung und seine Freunde. Ähnlich wie bei einem Spielsüchtigen am Roulettetisch nehmen die Augen eines Onlinesüchtigen „einen seltsamen Glanz an“, sagen Betroffene. Wenn der Abhängige nicht mehr in Urlaub fährt, Freunde verliert und seine Partnerschaft aufs Spiel setzt, ist es Zeit für HSO. Eine Selbsttherapie sei schwierig, aber einen Versuch wert, sagt Gabriele Farke. Der Selbsthilfeverein gibt drei Tips für den Anfang. „Stellen Sie Ihren Computer in einen anderen Raum, entfernen Sie ihn unter allen Umständen aus dem unmittelbarem Sichtfeld. Stellen Sie einen Wecker neben Ihre Tastatur und aktivieren Sie den Alarm für die Beendigung Ihrer täglichen Onlinezeit. Und verabreden Sie sich mit Ihren Online-Bekanntschaften nicht online, sondern offline.“

TITUS ARNU

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