BERLIN ONLINE schreibt am 02.07.1999
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Potsdam, 2. Juli (AFP)

"Mein reales Leben wurde mir gleichgültig" - dieses Fazit zieht Gabriele Farke im Rückblick auf zwei Jahre ihres Lebens, in denen sie sich jeden Tag länger vor den Computer setzte, um durch das weltweite Datennetz zu surfen. "Ich bin so richtig schön reingeschlittert und habe mich dann auch fesseln lassen", berichtet die Bundesvorsitzende des Vereins Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige (HSO). So wie sie äußerten sich auch einige Internet-Nutzer, die sich jüngst an einer Umfrage des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie der Humboldt-Universität in Berlin beteiligt hatten. Drei Tage nach dem Start der Umfrage im Internet lagen bereits gut 2000 Antworten auf dem Uni-Server - ein Erfolg, mit dem niemand gerechnet hatte. Die Berliner Psychologen wollen nun untersuchen, unter welchen Bedingungen es beim Internetsurfer zu einer Sucht kommen kann.

Andre Hahn, Diplompsychologe im Berliner Forschungslabor, ist sich noch nicht schlüssig, ab welchem Stadium von einer Internetsucht gesprochen werden kann. Ein harter Kern von Internetfreaks sitzt täglich stundenlang vor dem Bildschirm, um mit anderen in sogenannten Chat-Räumen zu plaudern oder sich einfach nur durchs weltweite Netz treiben zu lassen. Amerikanischen Studien zufolge sollen bis zu 17 Prozent der Internetnutzer das Online-Medium so ausdauernd nutzen, daß von einer Sucht gesprochen werden könne - eine Quote, die allerdings kein deutscher Wissenschaftler annimmt. Die Experten sind sich jedoch darin einig, daß das Internet nicht die Ursache für Suchterscheinungen ist. "Das Medium ist austauschbar, die Ursache für Suchtneigungen liegt immer in der Persönlichkeit", sagt Hahn.

Auch Selbsthilfegruppen für Internetsüchtige vertreten die Ansicht, daß das Internet von manchen Surfern als Fluchtmöglichkeit aus der Wirklichkeit genutzt wird, in der sie ihre Probleme nicht bewältigen können. Gabriele Farke betont jedoch, es gehe nicht darum, das Internet zu verdammen, sondern Suchtgefährdete zu einem verantwortungsvollen Umgang damit zu befähigen. Bundesweit will der Verein reale Hilfe sowohl für Süchtige als auch deren Lebensgefährten anbieten. Betroffen sind demnach auch nicht wenige Frauen, deren Männer verzweifelt Hilfe suchen, um ihre Lebensgefährtin wieder in die realen sozialen Kontakte zurückzuholen.

Psychologen warnen jedoch davor, jede intensive Internetnutzung in die Nähe einer Sucht zu bringen. Wer allerdings 80 Prozent seiner Freizeit im Netz zubringt und zudem vergeblich versucht, seine Onlinezeit einzuschränken, bewegt sich ihrer Einschätzung nach an der Grenze zur Sucht. Weitere Symptome sind immer länger andauernde Internet-Verbindungen oder der Drang, zum Beispiel auch im Urlaub unbedingt an einen Netzzugang zu kommen. "Das ist so, als wenn Sie frisch verliebt sind und zeitweise vom Partner getrennt", sagt Hahn. Zur Sucht gehört allerdings auch, daß der Zeitpunkt überschritten ist, an dem das Internet dem Nutzer Spaß macht. "Ein Süchtiger leidet unter dem Ärger mit dem Lebensgefährten, der Familie und womöglich dem Arbeitgeber wegen des Dauersurfens", betont der Berliner Psychologe.

Vor allem die engen sozialen Kontakte in Internet-Foren und Chat-Räumen können den Einstieg zur Internetsucht bedeuten. Vertrauen und Offenheit unter den Chat-Teilnehmern in der virtuellen Welt werden von den Internet-Nutzern häufiger als sehr viel enger als in der Wirklichkeit erlebt. "Das ist das eigentliche gesellschaftliche Problem, für das wir uns schämen müssen", sagt Gabriele Farke.