Der lange Weg aus der Abhängigkeit

Forumsbeiträge 2003/2004, männlich, anonymisiert

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10. Dezember 2003:

Hallo,

ich bin Langzeit-forenabhängig und gerade ist in mir folgender Entschluss gereift: Kann ich mit der Forenabhängigkeit aufhören, jetzt, hier und sofort, oder kann ich es nicht? Ich will es jetzt wissen. Ich will mir jetzt die 'Pistole auf die Brust setzen', bevor ich mir noch ein weiteres Weihnachten mit der ewigen Forumitis vermiese. Ironischerweise poste ich das auch noch in einem weiteren Forum, dürte wohl das achte oder neunte sein, aber ich kann und will mit meiner Sucht mich nicht an aussenstehende, reale Personen wenden. Ich weiss nicht, ich bin dafür einfach zu stolz, obwohl ich genau weiss, dass mein falscher Stolz mir da sehr hinderlich ist. Aber was will man machen?

Zu meinem Fall (es ist irgendwie immer dasselbe). Ich hab mich vor 3 Jahren in einem Sportforum angemeldet, ganz arglos und bloss mit einer speziellen Frage. Eigentlich wollte ich das nur geklärt wissen und dann wieder den Abgang machen. In keinem Fall habe ich damit gerechnet, dass mich sowas fesseln könnte, ich bin eigentlich überhaupt nicht der Internet-Typ und habe diese Leute immer eher belächelt. Aber ich war auch immer der Typ, der gleich ins Extreme geht - ganz oder gar nicht, viel dazwischen gibt es bei mir oft nicht. Außerdem habe ich immer schon gerne Spiele exzesiv gezockt, das hätte mich warnen müssen.
Jedenfalls bin ich da ganz schnell, ganz tief reingeschlittert. Ich bin Student und kann mir meine Zeit eigentlich sehr frei einteilen. Tolle Sache, aber ganz sicher genau das Falsche für mich in meiner Situation. So fehlt mir der ganze Halt, den ein fest geregeltes Berufsleben bieten kann. Aufschieben ist easy und Termine und Verpflichtungen belästigen mich nicht. Leider.

Ich habe schon 300mal versucht, mit der bescheuerten Forumsucht aufzuhören und habe auch recht schnell meine Situation rational durchblickt. Eigentlich schon nach wenigen Monaten. Ich kann sagen, ich weiss genau, warum ich online-süchtig geworden bin und was in meiner Persönlickeit mich daran nicht loslassen läßt. Aber genutzt hat mir die Einsicht nichts, es ist so, dass ich was mache, von dem ich genau weiss, dass es abgrundtief falsch ist. Die Einsicht in meine Lage ist da, aber der eisenharte Wille zum Aufhören fehlt mir.
Ich bin ein Mensch mit einem ziemlich grossen Sendungsbewußtsein und vielseitig interessiert. Ich habe Spass an harten, aber fairen Diskussionen. Ich möchte, dass meine Meinung gehört wird und wenn möglich sogar übernommen wird; Diskutieren ist für mich ein Wettstreit der Köpfe mit Siegern und Verlierern, ich sehe das durchaus sportlich. Das Schreiben macht mir einfach Spass. Schliesslich empfinde ich das Spiel mit Identitäten im Forum auch als sehr reizvoll.
Ich habe ein gewisses Renomee bei den anderen Usern aufbauen können, von denen mich aber kein einziger persönlich kennt. Ja, ich bin so paranoid, dass ich mir direkt mal einen neuen email-account zugelegt habe, aus Furcht jemand aus den anderen Foren könnte mich hier erkennen und dort auffliegen lassen. Völlig Banane sowas.

Aber jetzt habe ich die Schnauze voll. Zum dreihundert und ersten Mal. Das reale Leben zieht an mir vorbei und viele Gleichaltrige haben sich in der Zwischenzeit etwas im echten Leben aufbauen können. Ich dagegen komme nur in die Gänge, wenn ich unter extremen Handlungsdruck stehe und schlaffe direkt wieder ab, sobald die Sache irgendwie geklärt ist. Also so eine Art Dauerdurchhängeln.
Ich habe in letzte Zeit Verbesserungen in meiner Lebenssituation herbeiführen können, aber ich weiss ganz genau, dass die auf tönernen Füßen stehen, wenn ich nicht das Grundproblem angehe, nämlich meine exzessive Onlineabhängigkeit. Was dabei an zeit, Geld, Emotionalität und geistiger Beanspruchung draufgeht ist unnormal. Ich werde von dem Scheiss quasi absorbiert. Kann ich das Problem nicht lösen, werde ich auch sonst überall scheitern, soviel genau.

Ich weiss, dass ich dazu neige, starke Sprüche zu klopfen und den harten Mann zu markieren. Mein Hang zur (intellektuellen) Selbstdarstellung hat mir in meiner Lage nicht gerade geholfen, sondern hat mich quasi immer weiter in meine Forumssucht gezogen. Ich merke auch gerade, wie wenig sympathisch ich hier rüberkommen muss, ich fang schon wieder an, mich dick zu produzieren...

Ich will gar nichts mehr weiter dazu blubbern, ob ich es packen werde oder nicht, vielleicht hänge ich nächste Woche schon wieder hier und würde mein Outing am liebsten vom Moderator löschen lassen. Ich will jetzt einfach die Tatsachen sprechen lassen, ich will mich jetzt selbst beim Wort nehmen: "Ich addikkted2003 werde einzig und allein bei glasklaren Sachfragen noch ein Forum aufsuchen, solange bis ich vollständig von meiner Schreibsucht erlöst bin, d.h. bis ich die vollkommene Kontrolle über meinen Lese- und Schreibzwang bekomme."

Dazu habe ich mich jetzt entschlossen, hier einen Kontrollversuch zu machen. Ich werde jeden Monat zu Monatsanfang hier im Forum euch ein Feedback darüber geben, ob ich es gepackt habe aufzuhören oder nicht. Das gilt für die nächsten 6 Monate bis zum 1. Juli 2004. Ich werde mir die Tage im Kalender anstreichen. Wenn ich mich nicht mehr melde, bin ich gescheitert, soviel dürfte klar sein. Ich poste auch meine email-Adresse für den Fall als Zusatzversicherung und für den Fall, dass sich jemand erbarmt, mich mal an meine grossen Sprüche zu erinnern: addikkted2003@yahoo.de

Bitte keine Ermunterungen oder sonstiges, ich weiss das zu schätzen, aber ich muss das jetzt mit mir selbst austragen.


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Rückmeldung Februar 2004

Jo, ich bin es. Wie die Dinge sich doch ändern können; vor vier Wochen mußte ich mich zwingen, hier Bericht zu erstatten und diesmal konnte ich es kaum erwarten. Endlich haben sich die Dinge zum Positiven gewendet. Mein letzter Forumsbesuch liegt genau eine Woche zurück, seitdem bin ich 100% clean! Und es ist ein geiles Gefühl. Ich habe alle relevanten Foren auf meinem Heim-PC blockiert und endlich das Passwort an meine Mum geschickt. Echt krass, es ist erstaunlich, wie schnell der PC ohne die Foren an Sex-Appeal verloren hat, das ging praktisch von jetzt auf gleich.

Mann, ich bin gut drauf, ich krieg zwar wie erwartet im Alltag jeden Tag eins auf die Schnauze, aber ich nehme das jetzt als Ansporn, mich mehr anzustrengen, also genauso, wie man es eigentlich sehen soll. Endlich habe ich sowas wie einen halbwegs geregelten Tagesablauf auf die Reihen bekommen, ich erkenne mich gar nicht mehr wieder: Früher hab ich 9-10 Stunden gepennt und jetzt falle ich nach 6-8 Stunden aus dem Bett, direkt ready for action.

Ich glaube, ich habe jetzt ein System gefunden, das auf mich paßtt. An meinem Heim-PC ist jetzt alles blockiert und ich werde so nicht mehr Opfer meiner impulsiven Natur. Aber da sind natürlich noch die unzähligen Internet-Cafes in meinem Viertel und die PCs in den Uni-Bibliotheken, für die ich auch noch eine Lösung finden mußte. Die Internet-Cafes kann ich mittlerweile ganz gut meiden, denn es ist ja nicht einzusehen, dort hinein zu gehen, wenn ich selbst zu Hause einen fetten Anschluß habe. Bei den Uni-PCs ist es schon kniffliger, denn die Versuchung mal vom Tisch aufzustehen und rüberzuschlenzen, um 'nur mal zu gucken, was in den Foren so abgeht' ist schon da und dann wäre ich ruckzuck wieder in der alten Schleife drin. Tja, wenn es nach mir ging, müßte man die Dinger einfach wegsprengen, aber leider habe ich da nicht das Sagen. ;-) Jedenfalls habe ich mich selbst jetzt darauf festgelegt, dass ich für meine Sachfragen nur an einen bestimmten Rechner in einer bestimmten Bibi gehe und alle anderen stets und immer meide. Das ist eine klare und einfache Trennung, die keinen Selbstbetrug zuläßt und diese klare Trennung versuche ich jetzt im Kopf zu zementieren.

Überhaupt die Bibliothek: Nach so langer Zeit kurzweiligen Surfens im Netz merke ich schon, wie sehr sich meine Aufmerksamkeitsspanne verkürzt hat. Ich mein, ich bin in meinen Zwanzigern, aber ich muß das konzentrierte Lesen und Lernen echt wieder neu erlernen! Zu Hause, soviel habe ich schon gemerkt, werde ich immer noch viel zu leicht abgelenkt, was ich brauche ist die lebensfeindliche Umgebung in der Bibi, wo alle mit griesgrämigen Gesicht über ihren Büchern hängen und Pensum abarbeiten. Und so gehts mir eigentlich mit allem: Überall muß ich mich wieder zur Selbstdisziplin ermahnen, jetzt weiß ich auch endlich wieder, was so in den Köpfen der Leute auf der Straße vor sich geht, ständig schwirren mir tausend Sachen im Kopf herum, was ich noch machen muß und ich habe ständig so einen kleinen Druck auf den Schultern lasten, ich kannte dieses Gefühl schon gar nicht mehr. So muß wohl das Leben heutzutage aussehen, wow...

Naja, man merkt schon, ich will mich jetzt beweisen und Ehrgeiz ist jetzt geweckt, nachdem dieser Schleier von der ewigen Forumitis von mir abgefallen ist. Aber andererseits ist mein Rückstand auf meine Altersgenossen auch GROß...leider. Die sind ein bis zwei ganze Stufen weiter als ich, was Studium, Beruf oder geistige Reife angeht. Teilweise reden die schon von heiraten, wo ich noch von schwerer Party rede. LOL

Aber das ist eben meine Realität, die ich akzeptieren muß. Ich sage mir einfach: das Leben ist ein langer Marathon und wer bei Kilometer 5 noch hinter dem Feld hinterherläuft, kann bei Kilometer 10 schon aufgeschlossen haben und bei Kilometer 15 vorne liegen. Das Leben ist einfach keine straighte Sache und jeder kann mal sich in eine Sackgasse verrannt haben. Außerdem habe ich jetzt echt kein Bock in so 'ne Panik zu verfallen, die mir die gute Laune raubt, die ich gerade erst zurückbekommen habe. Das hiesse für mich nach 2 Jahren Forumitis doch vom Regen in die Traufe zu kommen! Diesen Fehler möchte ich nicht begehen. Überhaupt, denke ich mir, kann ich dabei einen Vorteil ausspielen, den ich den straighten Leuten voraus habe, nämlich meine Gelassenheit und den Blick für die kleinen Freuden des Lebens, welchen die anderen sich im Sinne der eigenen Effizienz schon abtrainiert haben (um sich ihn dann, wie ich es sehe, in späteren Lebensjahren desto mühsamer zurückzuerarbeiten). Also keine Panik bei addikkted2003, sondern vielmehr kontrollierte Umtriebigkeit. Nein, jetzt die nächsten Jahre in das gegenteilige Extrem zu verfallen wäre nicht richtig; ich bin überzeugt, dass man Arbeit und Spaß miteinander kombinieren kann und zwar so, dass sie sich gegenseitig vorwärts bringen.

So. Ich sehe mich derzeit in einem Übergangsstadium: Einerseits habe ich die Onlinesucht jetzt äußerlich hinter mir gelassen, aber innerlich bin ich nach wie vor sehr labil, was das angeht. Das merke ich schon allein daran, dass ich immer noch im Kopf ganze Beiträge verfasse (unter der Dusche, beim Aufstehen und auf der Straße - echt crazy) und auch dieser Beitrag wäre nicht so lang geraten, wenn ich meine Forumitis schon voll im Griff hätte. Und ich werde wahrscheinlich noch lange, lange dafür anfällig bleiben, schließlich ist das jetzt mein 112 Versuch, von der Sucht loszukommen, nur eben mein vielversprechendster bislang.

Deshalb versuche ich jetzt wie der emsige Standard-Bürger einen festen Tagesablauf durchzuziehen, egal wie monton das manchmal sein kann. Unter der Woche stelle ich mir meinen typischen Tagesablauf so vor:

1. Aufstehen zwischen 8 und 9
2. Duschen, Anziehen, Essen
3. Yoga
4. Uni-Bibliothek: 6 bis 10 Stunden (bislang noch utopisch!!)
5. Wieder zu Hause: Futtern und Kleinkram erledigen
6. Online gehen als letzte Aktivität des Tages

Natürlich kann das nur ein Grobgerüst sein, dass ich nach den Anfordernissen des tages flexibel halten muss, aber das soll mir als Orientierung und Vorsatz dienen, damit ich mich nicht ablenken lasse. Bei meiner nächsten Rückmeldung werde ich dann über Erfolg/Nicht-Erfolg dieses Planes berichten.

So, ich hoffe, ich habe nicht allzusehr gelangweilt, aber ich mußte mir das mal von der Seele schreiben und ich denke, es ist auch ganz interessant für Außenstehende, mal zu sehen, was so im Kopf eines Langzeit-Abhängigen auf dem Absprung vorgeht.


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21. Juni 2004

--- Leben im Netz oder in der Realität: Wie kann ich wissen, was das Beste für mich ist?

Als Internet-Abhängiger hat man den Gesamtüberblick über sein Leben verloren. Wie kann ich trotz dieser Orientierungslosigkeit herausfinden, was das Richtige für mich selbst ist?

Im Extremsport (u.a. Reinhold Messner bei der Besteigung aller 8000er) praktiziert man dazu eine einfache, aber sehr effektive Methode, die sich vorzüglich auch auf alle anderen Bereiche des Lebens übertragen läßt: Man versetzt sich gedanklich an das Ende des Monats, des Jahres oder des Lebens und fragt sich RÜCKBLICKEND, ob der damals eingeschlagene Lebensweg der Richtige gewesen ist? Auch und gerade dem Langzeit-Abhängigen kann der Blick zurück vom Lebensende auf die weggeworfenen und verlorene Jahre drastisch die Augen für Richtig und Falsch öffnen („Es ist einfach falsch, was ich derzeit tue.“). Die regelmäßige Praktizierung dieser Methode hilft dem orientierungslosen Online-Süchtigen, wieder eine Linie in seinem Leben herzustellen und sich selbst Ziele zu definieren.

Eine andere bewährte Methode ist es, sich an den Anfangspunkt seiner Online-Abhängigkeit zurückzuversetzen und sich zu fragen, ob man alles noch einmal genauso machen würde, wenn man eine zweite Chnace bekommen würde. Wenn die Antwort mit „Nein“ ausfällt, was anderes bedeutet das dann, als daß man etwas ganz Grundsätzliches ändern muss...

--- Räumliche Distanz als Vorausetzung für geistige Distanz zur Sucht

Kein Alkoholiker arbeitet im Getränkemarkt und kein Spielsüchtiger ist Croupier im Casino. Wer süchtig ist, muß eine RÄUMLICHE DISTANZ zu dem Objekt seiner Begierde schaffen!
Er muß aus der Regel- und Disziplinlosigkeit seiner Existenz ausbrechen und bemüht sein, wieder eine bestimmte Regelhaftigkeit in seinem Verhältnis zum Suchtobjekt herstellen. Für den Netzsüchtigen kann das u.a. bedeuten, daß er seinen Rechner wegräumt, eine Kindersicherung installiert (so habe ich es gemacht), eine Art Arbeitsteilung zwischen Freizeit- und Arbeitsrechner einführt (wie Gundi) oder sich vornimmt, nur an bestimmten Orten (z.B. nur im Büro) zu surfen, o.ä.
In allen Fällen geht es darum, den Impuls zum Surfen zu kontrollieren, der häufig unvorhersehbar eintritt und durch unscheinbare Kleinigkeiten bereits ausgelöst werden kann. Denn bin ich einmal online, ist es meist bereits zu spät, mich wieder vom Surfen loszueisen - warum auch sollte ich plötzlich online die Willenskraft aufbringen, die ich bereits offline vermissen liess...?!
Die Formel, die dieser Maßnahme zugrunde liegt, ist einfach: Ich schaffe mir eine physische Distanz zum Internet, damit ich Zeit zum Reagieren habe, meinen Impuls kritisch zu hinterfragen („Was will ich eigentlich jetzt wieder am Rechner?!“) und gegebenenfalls abzuwehren. Es geht darum, nicht ein leichtes Opfer der eigenen, tief verfestigten Verhaltensmuster zu werden, sondern stattdessen dem Verstand eine Gelegenheit zu geben, sich als die entscheidende Instanz zwischenzuschalten. ICH diktiere dem Computer, wann ich online gehen will und nicht umgekehrt.

--- Ohne Regeln geht es nicht

Internet-Sucht ist eine schlechte, selbstzerstörerische und im Grunde genommen völlig bescheuerte Gewohnheit. Das Problem dabei: Es ist nichtsdestotrotz eine GEWOHNHEIT und zwar eine, die sich verdammt tief in das eigene Verhaltensprofil eingebrannt hat.
Der Online-Süchtige steht vor dem Problem, daß er sich einfach nicht frei, ungezwungen und natürlich gegenüber dem Internet-Surfen verhalten kann –er hat diese Fähigkeit verloren. Würde er es dennoch versuchen, würde der Versuch mit traumwandlerischwer Sicherheit in einen totalen Kontrollverlust münden.
Deshalb braucht er REGELN, Regeln die er sich selbst setzen muß! Die Schwierigkeit dabei ist jedoch, das richtige Mittelmaß zu finden: Sind die Regeln zu starr, kann es passieren, daß man sich auf irgendeine verquerte Weise neue, negative Verhaltensweisen antrainiert, von denen man nur schlecht runterkommt; werden sie dagegen zu flexibel gehandhabt, besteht leicht die Gefahr, daß die Regeln schnell mißachtet werden, weil sie nicht genug verinnerlicht sind.
Es gibt da leider keine Patentlösung, aber eine ermutigende Erfahrung, die ich gemacht habe, ist folgende: Je länger der Kampf gegen meine Onlinesucht dauerte, desto leichter fiel es mir, flexiblere Regeln aufzustellen, die ich an meine jeweilige Situation angepassen konnte. Anfangs würde ich jedoch dringend anraten, wirklich STARRE, FIXE und FESTE REGELN aufzustellen und KEINE AUSNAHMEN zuzulassen. Wie die Zehn Gebote muß dein Regelwerk für dich sein und Vorsicht vor Ausnahmen! Ausnahmen stellen das Einfallstor dar, durch das die Sucht wieder zurück in dein Verhalten findet und sind eigentlich nichts anderes als frommer Selbstbetrug. Bis auf weiteres sind nur einfache und klare Regeln gute Regeln.

--- Selbstkontrolle

Keine Regel funktioniert ohne Selbstkontrolle.
Ohne ständige Selbstkontrolle geht es einfach nicht. Wer keine Selbstkontrolle betreibt, zeigt damit, daß er (noch) nicht wirklich von seiner Sucht loskommen will. In meinem Fall besteht meine Selbstkontrolle darin, meine Onlinezeiten und meine Aufstehzeiten täglich zu notieren, nebst einer Reihe anderer Notizen bezüglich Dinge, die mittelbar im Zusammenhang mit meiner Onlinesucht stehen. Das Ganze habe ich in meinem Kalender eingetragen, wodurch ich durch einen Blick meine Gesamtsituation erfassen kann.
Wozu ist die Selbstkontrolle gut?

- Motivation und Feedback:
Bei Mißerfolgen erkennt man schneller den Handlungsbedarf („Was muß ich ändern?“), bei dokumentierten Erfolgen hingegen wird der Durchhaltewillen weiter gestärkt. In jedem Fall profitiert also die eigene Motivation und ihr erkennt schneller, welche Methode euch weiterbringt und welche nicht..
- Selbsteinschätzung: Wo stehe eigentlich ich und meine Sucht? Diese Frage läßt sich viel objektiver beantworten, wenn man auf konkrete Zahlen und Notizen zurückgreifen kann als auf das bloße Gedächtnis.
- Erinnerung (vielleicht das Wichtigste): Egal, wie wichtig uns das Wegkommen von der Internet-Abhängigkeit ist, jeder hat im Leben noch eine Menge anderer Dinge zu tun. Darüber verliert man leicht den Fokus auf das eigentliche Problem. Die Folge ist ein halbherziges Durchwurschteln, ein ständiges Hin und Her zwischen Sucht und Entzug, das sich ewig hinziehen kann.....Das sollte man unbedingt vermeiden: Der kürzeste Weg ist ganz sicher der am wenigstens schwierige.

Generell würde ich empfehlen: Betreibt Selbstkontrolle schriftlich und lieber zuviel davon als zu wenig. Auch wenn das schriftliche Festhalten gelegentlich nervt und man bei ersten Erfolgen schnell versucht ist, gerade bei diesen Maßnahmen ein wenig an Aufwand einzusparen – bleibt dabei, denn es lohnt sich. Bedenkt: Schon ein einziger (!) Rückfall, der auf mangelnde Selbstkontrolle zurückzuführen ist, wiegt zeitlich den Aufwand von vielen, vielen, vielen Protokollierungen auf!

--- Von der Weltflucht zum Real-Life-Junkie

Internet-Entzug hinterläßt emotional eine Leere.

Es ist wohl so, daß bei der überwiegenden Mehrheit der Internet-Süchtigen die Abhängigkeit vom virtuellen Medium eine bewußte oder unbewußte Flucht vor der realen Welt darstellt. Entzieht man dem Surf-Junkie seine Droge Internet hat er erstmal...gar nichts mehr. Da tut sich eine Leere auf, die zunächst brutal ist. Man wird aus der Stumpf- und Trägheit des Internet-Lebens herausgeworfen wird und das reale Leben und seine Schwierigkeiten rammen einem gleich ungebremst den Dolch in den Leib. Wo sind die Freunde geblieben? Was für ein Chaos habe ich eigentlich im Studium angerichtet? Bin ich komplett von Sinnen gewesen, warum bin ich nicht viel früher von dieser ganzen Scheisse runtergekommen...mein Gott, ich hab ganze Monate und Jahre weggeworfen!!!
Aber da kommt andererseits auch gleich die ungefilterte Lust am Leben. ALLES ist auf einmal geil. Es ist wirklich so, als hätte man einen Sträfling aus dem Gefängnis entlassen und jetzt wandert er draussen herum und betrachtet entzückt und entrückt die zwitschernden Vögeln in den Bäumen – fast so wie in einer Hollywood-Schnulze! :-D
Worauf ich hinauswill: Wer das Wagnis eingeht und sich von seiner kleinen, scheinbar sicheren Welt im Netz löst, der wird in der Realität SOFORT BELOHNT. Und zwar mit einem ganzen Schub neuer Emotionen, die man schon gar nicht mehr kannte, das Spektrum an möglichen Emotionen erweitert sich unheimlich und die eigene Gefühlswelt bekommt ganz neue Züge. Und Leute, darum geht es doch eigentlich! Es geht doch immer um die Verbesserung der eigenen Lebensqualität und um nichts anderes! Bei mir war es so, daß ich trotz diesem wirklich bösen Erwachen direkt wieder diesen Puls des Lebens gespürt habe und ich direkt belohnt wurde, ohne erst lange auf die Abstinenz-Dividende warten zu müssen.

Das Leben hält, was das Netz bloß verspricht.

--- Hobbies, Freunde und Freizeit-Aktivitäten

Internet-Entzug hinterläßt nicht nur zunächst emotional eine Leere, sondern auch zeitlich eine Lücke. Die Frage ist, was mit der neugewonnenen Zeit anfangen und meine Antwort wäre: Sofort ausfüllen und zwar am besten mit einem Hobby, Freunden oder sonst irgendeiner gehaltvollen Freizeit-Aktivität! Es gibt nichts besseres als ein Hobby, um den Bezug zur realen Welt wieder herzustellen. Durch ein Hobby lernt der Online-Abhängige das reale Leben gleich von seiner besten Seite wieder kennen und erlebt so, daß es etwas in der realen Welt gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt.. Hobbies können wirklich eine echte Ausstiegshilfe sein: Ich habe die Erfahrung gemacht, daß mich der Sport Stück für Stück sozusagen auf seine Seite gezogen hat, weg vom Internet, hin zum realen Leben. Das war ein Prozess, der sich wechselseitig aufschaukelte: Der Sport schaffte mir etwas Abstand zum Internet, den ich dazu nutzen konnte, mein Surf-Pensum zu reduzieren, wodurch weitere Freiräume für weitere sinnvolle Aktivitäten entstanden, die mich wieder ein Stück weiter vom Netz entfernen liessen usw. -> schrittweises Abrücken.

Generell geht es bei Thema Aktivitäten darum, ALTERNATIVEN zum Internet zu schaffen. Ohne alternativen Tätigkeiten nachzugehen, die zeitlich, emotional und geistig das Surfen ersetzen, ist man praktisch von vornherein zum Scheitern verurteilt. Man kann nicht längerfristig von der Netzsurferei lassen, ohne etwas anderes anstelle dessen zu machen. Da tut sich eine Lücke auf, die konsequent mit etwas Neuem gefüllt werden muß; andernfalls ist der Rückfall in die alten Gewohnheiten vorprogrammiert, weil nur logisch.

--- Schmerz

Machen wir uns nichts vor: Internet-abstinent zu leben tut zunächst weh.

An dem Anfangsschmerz führt kein Weg dran vorbei. Aber in Wirklichkeit ist der Schmerz nicht weiter schlimm, sondern im Gegenteil sogar sehr willkommen: Je mehr es weh tut, desto besser ist es! Man muß den Schmerz willkommen heissen, man muß ein leicht masochistisches Verhältnis zu ihm entwickeln, man muß einfach begreifen, daß er ein Beweis dafür ist, daß die Therapie greift! Was anderes sagt denn ein Marathonläufer über seine schmerzenden Beine? Der sagt sich nicht, daß er den Lauf deswegen abbricht, sondern der sagt sich vielmehr, daß seine Beine so sehr schmerzen, WEIL er so schnell gelaufen ist und je mehr seine Beine weh tun, desto schneller ist er auch unterwegs. Schmerz ist dabei nichts anderes als eine Visitenkarte für den Erfolg. Genauso sollte man es auch bei der Entwöhnung von der Internet-Sucht betrachten.
Zudem ist der Schmerz mal eine gute Abwechslung nach der Stumpfheit der Internet-Sucht und erinnert daran, daß man lebt. Er verschwindet auch früh genug wieder, vielleicht werdet ihr ihn sogar vermissen. ;-)
Interpretiert den Schmerz positiv: No pain, no gain! :-)

--- Selbstverpflichtung eingehen

Eine gute Methode, den Willen zum Fortkommen von der Sucht zu stärken, ist es, andere Leute von dem Vorhaben in Kenntnis zu setzen. Denn wenn man jemandem von der eigenen Sucht berichtet, so muß daraus etwas folgen. Dabei ist es zu diesem Zwecke nicht nötig, denjenigen gleich das ganze Ausmaß des Problems zu beichten, sondern es reicht wohl schon aus, ihnen lediglich einen Teileinblick zu gewähren. Allerdings eignet sich diese Methode nur dann, wenn man bereits –auf welche Art auch immer- ein gewisses Maß an Eigenwillen zum Kampf gegen die Sucht aufgebaut hat. Ansonsten begibt man sich allzu leicht in einen Handlungsdruck, den man nicht erfüllen kann. Ich für meinen Teil habe die Berichterstattung in diesem Forum gewählt.

--- Tipps bei Forumitis

Noch einige Tipps für Leute, die wie ich mit der Forenabhängigkeit zu kämpfen haben. Am besten wäre es natürlich, den Absprung von allen Foren gleichzeitig und vollständig zu bewerkstelligen – soweit die Theorie, ich jedenfalls habe das nicht geschafft. Deshalb ist es sinnvoll, zunächst in einem ersten Schritt das Ausmaß der Posterei zu drosseln, um dadurch das Feld für den nachfolgenden Totalausstieg zu bestellen.

- Poste strikt themenbezogen.
Keine Albernheiten, kein belangloses Schwätzchen und keine unnötige Kleinkämpfe mit anderen Benutzern. Diese Maßnahme allein wird deine Involvierung drastisch reduzieren, sowohl in zeitlicher als auch in emotionaler Hinsicht.

- Eine weitere Einschränkungsmöglichkeit: Poste ausschließlich Sachfragen und reagiere ausschließlich auf Antworten darauf. Da rattert der Beitragszähler nochmal weniger, wohlgemerkt bei gleichbleibendem substantiellen Gehalt.

- Leg dir eine Kindersicherung zu, um bestimmte Seiten einfach zu sperren (viele DSL-Anbieter haben für ihre Kunden bereits eine KS im Angebot).

- In Foren ist der Zeitpunkt der Antworten der anderen nicht vorherzusehen. Es ist suchttheoretisch belegt, daß eine solche Unwägbarkeit das Suchtverhalten eher noch vergrößert, deshalb mußt du gezielte Gegenmaßnahmen ergreifen, wenn du nicht den Weltrekord im Klicken auf den Aktualisierungs-Knopf aufstellen willst. Bedenke: Je seltener du reingehst und Antworten abpflückt, desto mehr lohnt sich der einzelne Abruf.

- Wenn dir andere User vorwerfen, dass du dich rar machst – dann bist du genau auf dem richtigen Weg. Du schuldest diesen gesichtslosen Benutzernamen NICHTS und wenn der Vorwurf schon im Raum ist, dann kann man ihn auch gleich nach Kräften in die Tat umsetzen. Überhaupt: Das sind alles Abhängige, die noch lange nicht so weit sind wie du. Viele beneiden dich auch insgeheim darum, dass du es schaffst, der Internet-Schizze den Rücken zudrehst.

- Mach eine Tour. Forum A -> Forum B -> Forum C etc. und wenn du mit dem letzten Forum fertig bist, fang nicht wieder beim ersten an! Foruming im Netz, insbesondere in internationalen Boards, ist ein 24/7-Betrieb, in dem niemals gänzlich Flaute herrscht. Es gibt keinen natürlichen Ausstiegspunkt, um den Computer runterzufahren, außer den, den du selbst wählst!

- Such dir Ansprechpartner im realen Leben für genau diejenigen Themen, über die du auch im Netz sprichst. Du wirst merken, dein Interesse an Online-Diskussionen wird schnell erlahmen...*gähn*

- Endziel muß in JEDEM Fall der Totalausstieg aus allen Foren sein. Erst, wenn du dich in einem ersten Schritt von den Foren erst vollständig und endgültig gelöst hast, kannst du in einem zweiten Schritt wieder daran denken, damit anzufangen und hoffen, daß es diesmal ganz natürlich und ohne Zwang abgeht. Eine nur halb besiegte Abhängigkeit jedoch wird –wie eine nur halb unterdrückte Krankheit - wieder mit aller Macht hochkommen und du wirst einen neuen Anlauf unternehmen müssen.









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