Internet am Arbeitsplatz
Wie erkennt der Arbeitgeber, ob ein/e Mitarbeiter/in onlinesüchtig ist und …
was kann er dagegen tun?

104 Milliarden DM sollen der deutschen Wirtschaft jährlich durch die private Internet-Nutzung am Arbeitsplatz verloren gehen. Dieses Ergebnis fördert eine Studie im Auftrag des Düsseldorfer Softwarehauses Sterling Commerce zu Tage. Mehr als 60 Prozent aller Arbeitnehmer mit Netzzugang nutzen selbigen mindestens einmal täglich für Privatangelegenheiten. Um den Aktienkurs der Firma zu checken, an der er beteiligt ist, um Bestellungen zu erledigen, für die nach der Arbeit keine Zeit mehr sind – oder um die neueste Version des Moorhuhn-Spiels herunterzuladen. Allein dafür, so die Studie, würden Kosten von 135 Millionen DM zu Buche schlagen. Pro Mitarbeiter kämen so durchschnittlich 17 Tage Arbeitsausfall zusammen. (Quelle: Privates Surfen kostet Milliarden)Dass das Internet ein Suchtpotenzial birgt, glauben fast 90 Prozent der Angestellten. 41 Prozent geben an, mehr als drei Stunden pro Woche an ihrem Arbeitsplatz zum Privatvergnügen im Internet zu surfen. (Quelle: Studie von Websense)Private Internetnutzung am Arbeitsplatz ist EINE Sache, noch eine andere aber ist, wenn ein Arbeitnehmer auf Kosten des Arbeitgebers während der Arbeitszeit seiner Onlinesucht frönt.
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Neues Urteil (2010):

Private E-Mails rechtfertigen Kündigung
Wer während der Arbeitszeit private E-Mails verschickt und im Internet surft, kann jetzt ohne Abmahnung fristlos gekündigt werden. Das Landesarbeitsgericht Niedersachsen gab einem Arbeitgeber Recht, der seinem Angestellten außerordentlich gekündigt hatte, weil dieser aufgrund exzessiver Privatnutzung seines Firmen-PCs seine dienstlichen Aufgaben nicht mehr erfüllen konnte. Der Mann hatte über 100 E-Mails täglich verfasst, verwaltete sein persönliches Fotoarchiv auf dem Rechner und speicherte Korrespondenz mit privaten Kontaktvermittlern – seine Arbeit ließ er dafür liegen.

Bisher drohte Arbeitnehmern für private Telefonate und E-Mails während der Arbeitszeit „höchstens“ eine Abmahnung. Bei ausufernder Beschäftigung mit Privatangelegenheitens verletzt der Arbeitnehmer jedoch die Hauptleistungspflicht aus dem Arbeitsvertrag derart eindeutig, dass jede Warnung in Form einer Abmahnung überflüssig ist. So befanden die Richter. Auf das drastische Mittel der fristlosen Kündigung sollten Sie als Arbeitgeber jedoch nur in Extremfällen zurückgreifen. Bei nur gelegentlichen Abschweifungen gilt weiterhin: Der Kündigung muss eine Abmahnung vorausgehen.

(Landesarbeitsgericht Niedersachsen, AZ: 12 SA 875/09)

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Signale für den AG, dass „etwas nicht stimmt“:

  • Der Bildschirm ist immer „leer“ (Desktop/Bildschirmoberfläche oder häufig gleiche Seite), wenn der AG den Raum betritt bzw. der AN klickt schnell noch hastig mit der Mouse …
    Onlinesüchtige vermeiden tunlichst, beim Chatten während der Arbeitszeit „erwischt“ zu werden und entwickeln ein großes Talent, das Dialogfenster mit dem Chatbekannten bzw. den Chatroom unten in der Menüleiste verschwinden zu lassen.
  • Die Leistungen/ das Engagement und die Loyalität des AN lassen merklich nach/ Fehler schleichen sich in seiner Arbeit immer häufiger ein (Oberflächlichkeit)
  • Der AN beginnt plötzlich entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten, pünktlichst Feierabend zu machen
  • Der AN wirkt oft müde und übernächtigt
  • Entgegen früherer Verhaltensweisen ist der AN immer häufiger krank geschrieben, die Ausfallzeiten nehmen zu
  • Der früher so engagierte MA zeigt ausgesprochene „Unlust“ gegenüber seiner Arbeit
  • Der AG beobachtet, dass private Gespräche (in den Frühstückspausen etc.) sich seitens des AN immer wieder fast ausschließlich rund ums Internet drehen
  • Der betroffene AN nimmt immer seltener an Betriebsfeiern und Zusammenkünften der MA teil
  • Der betroffene AN kündigt schließlich aus heiterem Himmel oder erscheint gar nicht mehr zur ArbeitWas kann ein Arbeitgeber gegen Onlinesucht tun?Im Vorfeld:
  • Präventionsmaßnahmen
    Im Interesse ALLER Mitarbeiter sollen vorab Präventionsmaßnahmen getroffen werden: Regelmäßige Mitarbeiterversammlungen und Vorträge mit Fallbeispielen durch erfahrene Medienberater/innen bzw. Therapeuten, die mit dem Thema zu tun haben. Wichtig ist, dass die AN einen Ansprechpartner im Unternehmen haben, dem sie für dieses Problem die notwendige Kompetenz zuschreiben.
  • Mitarbeiterbefragungen
    Es können Mitarbeiterbefragungen (in schriftlicher Form) durchgeführt werden, u.a. mit der Frage, ob eine/r der Kolleg/innen auffällig erscheint (in Gemeinschaftsbüros fällt ein Onlinesüchtiger seinen Kollegen schnell auf). Ein Fragebogen an alle (mit zu erarbeitenden Lösungsvorschlägen der MA selbst), der ausgewertet wird und dem eine breit angelegte Mitarbeiterbesprechung folgt. In vielen Firmen wird das so gehandhabt, anonym, nur die jeweilige Abteilung muss angegeben werden. So hat man eine Chance, zumindest gefährdete oder betroffene MA enger einzukreisen und die späteren Gruppen- bzw. Einzelgespräche besser vorzubereiten.
  • Gespräche mit dem Betroffenen
    Wenn der konkrete Verdacht besteht, dass ein MA betroffen sein könnte, sollen offene Gespräche mit ihm folgen. Dem Betroffenen sollte Hilfe angeboten werden, die gemeinsam erarbeitet wird. Es ist klar, dass er diese Hilfe nicht will, denn ein Onlinesüchtiger wird selten die Onlinesucht gegenüber dem AG eingestehen. Der AG wird aber schnell merken, ob sein Verdacht begründet ist, wenn er dem AN beispielsweise (wenn auch nur als Kontrollmaßnahme) eine 3-6 monatige Projektphase ohne Internettätigkeit anbietet und dieser den Vorschlag mit fadenscheinigen Argumenten vehement ablehnt. Evtl. ist in diesem Mitarbeitergespräch eine Fachkraft hinzuziehen (Medienberater/in).
  • 12-Stufen-Plan
    Aus bewährter Suchtprävention am Arbeitsplatz ist der 12-Stufen-Plan bekannt. D.h. mit dem Betroffenen finden insgesamt 12 Schritte und Gespräche statt, wobei dem AN bestimmte Sanktionen drohen, wenn er gewisse Veränderungen in seiner Verhaltensweise nicht aufzeigt. Sollte das Ziel nicht erreicht werden, droht dem AN im 12. Gespräch letztlich durchaus die Kündigung durch den AG, was ihm aber zu Beginn dieses Programms klar ist.
  • Internet-Arbeitsplatz
    Falls Sie vermuten, dass ein AN Probleme mit der übertriebenen (und privaten) Internetnutzung hat, überlegen Sie, ob Sie dessen Arbeitsplatz nicht umwandeln und einen „allgemeinen“ Internetzugang an ausgesuchten Rechnern einrichten können.
  • Kontrollfunktionen (freiwillig)
    Der AG kann dem AN eine Protokollführung auferlegen, wieviel Zeit er pro Tag im Internet verbringt. Es könnte als eine Art „Studie“ getarnt werden, wie wichtig Internet inzwischen für das Unternehmen geworden ist. Nicht vergessen: auf dem Frage- bzw. Protokollbogen soll auch ein Platz für private Internetnutzung vermerkt sein.
  • Kontrollfunktion (ohne Wissen des AN)
    IT-Mitarbeiter des Unternehmens können glasklar aufzeigen, welche Seiten der AN aufgerufen hat, wie viele E-Mails er an wen geschrieben hat etc. (siehe hierzu u.a. einige aufgeführte Links)
  • Onlinedienste
    Die Notwendigkeit der Installation von Onlinediensten und Chatprogrammen sollte überprüft werden. Jeder AN verfügt über den Internet-Explorer oder den Netscape Communicator, mit dem er ins Internet gelangen kann. Ob es daher zwingend notwendig ist, dass zusätzliche Onlinedienste auf den Bürorechnern installiert sind, ist eine Überlegung wert.
  • Firewalls
    Erfahrene IT-Mitarbeiter arbeiten mit Firewalls und können z.B. das Einloggen in Chatrooms damit weitgehend unterbinden, Kontrollfunktionen einbauen.Letztlich aber ist wohl das Vertrauensverhältnis, das ein AG zu seinen Mitarbeitern hat oder eben nicht hat, entscheidend. Bis ein „Trinker“ entlarvt ist, bedarf es auch einer langen Vorlaufzeit und meist wird das Problem erst erkannt, wenn es zu spät ist. Süchtige gehen nun mal i.d.R. nicht von sich aus auf die Vorgesetzten zu, aber das wissen SIE alle! wir haben von einigen großen Firmen erfahren, dass die Personal-/Sozialabteilung betroffene Mitarbeiter in die stationäre Therapie einer der von uns aufgeführten Kliniken schickten. Wichtig ist, dass alle Mitarbeiter wissen sollten, dass das Problem Onlinesucht auch in dem jeweiligen Unternehmen erkannt wurde, es ernst genommen wird, und es einen Ansprechpartner dafür gibt. Die AN müssen wissen, dass ihnen mit Therapieangeboten (leider gibt es noch viel zu wenige) geholfen wird seitens des Arbeitgebers.

    Unsere persönlichen Link-Tipps:
  • www.protectom.de
    Hersteller von Überwachungssoftware
  • www.datenschutz.de
    Adressen der zuständigen Behörden bei Problemen mit Überwachung
  • www.onlinerechte-fuer-beschaeftigte
    Kampagne der Gewerkschaft VerdiUnd hier noch weitere Links für Arbeitgeber und Arbeitnehmer zum Thema:
  • Urteil vom 31.05.2007: Privates Surfen am Arbeitsplatz: Fristlose Kündigung!
  • Angestellter surft auf Sexseiten! Fristlose Kündigung? …
  • Privates Surfen im Job/ Überwachung versus Datenschutz
  • E-Mail im Dienst/ Rechtsanwalt Tobias H. Strömer
  • Alles rein dienstlich?/ Jurist Wolfgang Däubler
  • Möglichkeiten des Arbeitgebers zur Überwachung der eMail-Kommunikation des Arbeitnehmers
  • Darf ich – oder darf ich nicht? Private Nutzung des Internet während der Arbeitszeit
  • Angestellte lieben das Internet
  • Die digitale Kaffeepause soll gestrichen werden
  • Private E-Mails am Arbeitsplatz/ Rechtsanwalt Dr. Michael Hohl
  • Privates Surfen kostet Milliarden
  • Private Internetnutzung am Arbeitsplatz/ Urteil ArbG Wesel
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